Am 17.09. war nicht nur der Kinostart von GENTLE MONSTER, sondern auch die Sondervorführung mit einem anschließenden Publikumsgespräch im Delphi Lux. Der Film von Marie Kreutzer thematisiert sexualisierte Gewalt, Verantwortung und die Schwierigkeit, einen bestehenden Verdacht zu äußern.
Noch bevor der Titel eingeblendet wird, begleitet das Publikum den Alltag der Familie. Die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land, wo sich der Filmemacher langsam von einem Burnout erholt. Das Leben der Familie wirkt ruhig, liebevoll und ausgeglichen. Kurz nachdem der Titel eingeblendet wird, steht plötzlich die Münchner Kriminalpolizei für eine Hausdurchsuchung vor der Tür des idyllischen Landhauses. Der Vorwurf, den Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) gegen Philip erhebt, wiegt schwer. Das Publikum begleitet Lucys Prozess, zu verarbeiten, zu verstehen, zu zweifeln und wütend zu sein. Wer ist der Mann, den sie liebt, wirklich? Gleichzeitig liegt der Fokus auf Elsa, welche nicht nur ermittelt, sondern im Privatleben mit der Pflege ihres Vaters an ihre Grenzen stößt. Hier wird aus Scham weggeschaut und das übergriffige und grenzüberschreitende Verhalten des Vaters werden von der Tochter toleriert.
Im Anschluss an den Film gab es am Donnerstagabend ein Publikumsgespräch mit N.I.N.A. e.V., der Nationalen Informations- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend, und Innocence in Danger e.V.. Durch Miriam Wecke, der psychologische Fachleitung von Innocence in Danger e.V., und Katrin Schwedes von N.I.N.A. e.V. wurden die verschiedenen Perspektiven aus Betroffenenberatung und Präventions- und Aufklärungsarbeit zusammengeführt. Das fast ausgebuchte Kino blieb auch im Nachgang beim Publikumsgespräch voll besetzt. Unterschiedliche Fragen aus dem Publikum gaben Anstöße für einen Austausch. „Wie realistisch ist das Verhalten der Polizei und deren Zuständigkeiten im Falle sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen dargestellt?“ oder „Muss nicht heutzutage unglaublich aufgepasst werden mit den eigenen Kinderbildern?“.
In jeder Schulklasse sitzen ein bis zwei Kinder, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind (WHO Europa, 2013). Laut einer Hochrechnung aus der MIKADO-Studie von 2015 und der ARD/ZDF Online-Studie (ebenfalls von 2015) haben in Deutschland 728.000 Erwachsene sexualisierte Kontakte zu Kindern. Sexualisierte Gewalt wird in 75% der Fälle im engsten Familien- und Bekanntenkreis ausgeübt (UBSKM, 2020). Durch die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz wird Bildbearbeitung niederschwellig und einfach zugänglich. Jedes Bild eines Kindes kann ausgenutzt und zu einer sexualisierten Darstellung bearbeitet werden. Der Film zeigt gelungen die verschiedenen Facetten in der Bekämpfung von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Zudem legt er besonderes Augenmerk auf die Angehörigen und den Umgang sowie die Verantwortung, wenn sexualisierte Gewalt in der eigenen Familie geschieht. Thematisiert werden auch die enorme Belastung und das Ohnmachtsgefühl, welches bei Betroffenen und Angehörigen entsteht. Eine wichtige Ergänzung, gleichzeitig Kritikpunkt am Film, ist die Nennung von Beratungsstellen und Angeboten für Betroffene von sexualisierter Gewalt sowie Angehörige. Neben N.I.N.A. e.V. gibt es das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch, Nummer gegen Kummer oder auch Beratungsstellen per Chat wie schreib-ollie.de. Weitere Beratungsstellen sind auf der Webseite von Innocence in Danger e.V. zu finden.
Sexualisierte Gewalt kann jedes Kind treffen und überall geschehen – auch und vor allem im sozialen Nahfeld und in der Familie.
Deshalb ist unglaublich wichtig hinzuhören, nachzufragen, Anzeichen zu beobachten und zu begleiten – genauso im digitalen Raum.
Wir müssen alle gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Noch ist der Film in den Kinos zu sehen, ein Kinobesuch lohnt sich sehr.
Zum Nachlesen der Zahlen
- WHO Europa (2013): Europäischer Bericht zur Prävention von Kindesmisshandlung
- UBSKM (2020): https://beauftragte missbrauch.de/fileadmin/Content/pdf/Pressemitteilungen/2020/01_Januar/28/Fact_Sheet_Zahlen_und_Fakten_sexueller_Missbrauch.pdf



