Das Lagebild widerlegt ein altes Klischee: Mehr als die Hälfte der Täter*innen stammen aus dem direkten Umfeld der Kinder – Familie, Freundeskreis, Vereine, Schulen oder Institutionen. Gewalt passiert dort, wo Kinder eigentlich Schutz erwarten dürfen.

Smartphones als Einfallstor
Eine weitere zentrale Erkenntnis: Das Smartphone ist für Täter*innen ein direkter Zugang zu Kindern. Die Beliebtheit des Smartphones nimmt immer weiter zu. Nutzten im Jahr 2014 gerade mal 20 Prozent der Erstklässler alleine oder mit den Eltern ein Smartphone, sind es mittlerweile – zehn Jahre später – fast 60 Prozent. Bei den Acht- und Neunjährigen stieg die Zahl innerhalb von zehn Jahren von 25 auf 69 Prozent, bei den Zehn- und Elfjährigen von 57 auf 83 Prozent.
Das Smartphone ermöglicht Kontakt jederzeit, unbeobachtet und ohne die Kontrolle von Erwachsenen. Formen wie Cybergrooming oder Sextortion nehmen massiv zu.
Wir müssen uns als Gesellschaft fragen:
- Ab welchem Alter ist ein Kind wirklich bereit für ein eigenes Smartphone?
- Und wie stellen wir sicher, dass es vorher geschützt ist?
Deutschland – ein zögerlicher Weg
In Deutschland fehlt eine klare Linie im Umgang mit Smartphones in Schulen. Wir sollten uns als Gesellschaft fragen: Wie viel Digitales ist für unsere Kinder sinnvoll, und wann müssen wir klare Grenzen setzen? Kinder brauchen Begleitung und Schutz, bevor sie mit diesen komplexen Geräten in Kontakt kommen. Wir müssen also einen Rahmen schaffen, der unseren Kindern einen sicheren und gesunden Umgang mit digitalen Medien ermöglicht.
Wir unterstützen ausdrücklich die Initiative „Smarter Start ab 14“, weisen aber darauf hin, dass es nicht nur bei privaten Initiativen bleiben darf.

Unsere Verantwortung als Gesellschaft
Es liegt an uns Erwachsenen, Verantwortung zu übernehmen. Schulen, Eltern und Politik müssen gemeinsam klare Regeln aufstellen und an einem Strang ziehen, um die digitale Kompetenz unserer Kinder zu fördern. Dies ist kein einfaches Unterfangen, aber es ist notwendig, um unsere Kinder vor den Gefahren der digitalen Welt zu schützen.
Einladung an die Politik
Es ist an der Zeit, dass auch die Politik in Deutschland sich intensiv mit den Erkenntnissen von Jonathan Haidt und anderen Forscher*innen auseinandersetzt. Die Einführung einheitlicher Regeln für den Umgang mit Smartphones in Schulen wäre ein wichtiger Schritt. Doch dies kann nur gelingen, wenn alle Akteure – Schulen, Eltern und Politik – zusammenarbeiten. Kinder verdienen Schulen, die ihnen helfen, zu lernen, Freundschaften zu pflegen und sich gesund zu entwickeln – ohne die Ablenkung durch Smartphones.
Fazit
„Alle Kinder verdienen Schulen, die ihnen helfen zu lernen, Freundschaften zu pflegen und sich zu geistig gesunden jungen Erwachsenen zu entwickeln. Sie verdienen eine Schule ohne Handy“, sagt Jonathan Haidt .
Miriam Wecke, Psychologische Fachleitung bei Innocence in Danger e. V., ergänzt: „Es ist an der Zeit, endlich zu begreifen, wie sehr die programmierten Algorithmen unser und vor allem auch das Leben unserer Kinder bestimmen. Wir müssen aufhören, so zu tun, als ginge es online ‚nur‘ um zwischenmenschliches Miteinander, und eingestehen, dass der Algorithmus immer mitspielt. Es gilt, uns selbst und unsere Kinder zu mündigen, selbstbestimmten Nutzern zu erziehen – mit langen Phasen des Abschaltens. Oder wie es ein 16jähriger Jugendlicher während eines Workshops formulierte: Eltern, geht raus mit euren Kindern und spielt. Frische Luft ist wichtig.“




