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4. Mai 2022

„Einfach mega!“ #UNDDU? – Kreativwerkstätten auf Gut Fergitz (7.– 8. April 2022)

Was für ein Auftakt! 16 Jugendliche aus drei Prenzlauer Schulen laufen zu kreativer Bestform auf. Trotz kühlem Aprilwetter geht es bei den beiden Workshoptagen auf Gut Fergitz heiß her. Mit dem fachlichen Intro von IID-Chefin Julia von Weiler und dem technischen Einstieg der Produktionsexpertinnen Charlotte Jansen und Katharina Woll von LUPA FILM sind die Ideen für […]

Was für ein Auftakt! 16 Jugendliche aus drei Prenzlauer Schulen laufen zu kreativer Bestform auf. Trotz kühlem Aprilwetter geht es bei den beiden Workshoptagen auf Gut Fergitz heiß her. Mit dem fachlichen Intro von IID-Chefin Julia von Weiler und dem technischen Einstieg der Produktionsexpertinnen Charlotte Jansen und Katharina Woll von LUPA FILM sind die Ideen für die Kurzfilme schnell gefunden.

 

Drei Teams legen jetzt los. Hochprofessionell organisiert und begleitet von Schauspielerin und Coach Alexe Limbach. Das scheinbare Whooling ist ein fließendes Miteinander, bei dem jeder wechselnde Aufgaben wahrnimmt. Kaum zu glauben, wie viel in den knapp zwei Tagen entsteht!

 

  

Mit unserer bundesweiten Bewegung „#UNDDU? Mach dich stark! Gegen sexuelle Gewalt unter Jugendlichen“ haben wir für verschiedene Zielgruppen ein breites Angebot an Formaten zu Prävention und Intervention entwickelt. Als Teil davon gilt es in den Kreativwerkstätten mit Jugendlichen, ihre Selbstwirksamkeit im Hinblick auf soziale und (digitale) Beziehungskompetenzen zu stärken. Also übergriffiges Verhalten zu erkennen und sich stark zu machen für einen fairen Umgang miteinander.

 

Dabei werden Erfahrungen, Wahrnehmungen und Eindrücke diskutiert und kreativ umgesetzt. Fast allen fällt dazu etwas auf, und eh man sich versieht, ist eine intensive Diskussion entstanden. Sprühen kreative Funken für filmische Szenarien.

 

„Die Jugendlichen sind supergut angekommen“, findet Anne Weineck, Schulbegleiterin für zwei Schülerinnen mit Behinderungen. Ich bin begeistert, wie sie begleitet werden: Hier gilt große Freiheit in der Gestaltung und Umsetzung. Alle sind gleichwertig mit einbezogen. Ihre Gedanken sind genauso viel wert, wie die der Mitarbeiter. So sind sie mittendrin, engagiert, motiviert und kreativ.“

 

„Chillen an der Bushaltestelle“ wird noch am Nachmittag im Dorf gefilmt. Trinkende und grölende Jungs, die ein vorbeikommendes Mädchen belästigen. Scheinbar eine allzu bekannte Situation … Die Schauspieler:innen proben noch, da kommt Schulleiterin Anke Heiden mit einem Kollegen vorbei. Mal schauen, wie es so läuft. Gleich wird der Lehrer als Passant in den Film eingebunden. Jetzt ist auch die Technik bereit: Ton, Kamera, Regie und Licht – alles fertig. Das LUPA FILM-Team bleibt im Hintergrund. Macher sind die Schüler:innen – und sie machen es richtig gut.

  

Gleich nach dem Abendessen folgt schon der nächste Dreh: „Anmache im Club“. Dafür eignet sich die Scheune auf Gut Fergitz perfekt: Lampions, eine aus Paletten gebastelte Bar, schummriges Flair und los kann’s gehen. Eine schnelle Nummer hätte man denken können. Doch hier erfahren wir alle, wie präzise ein Film produziert wird. Mimik und Text müssen stimmen. Ausstattung und Hintergrund auch. Licht sowieso. Immer wieder sind Details neu zu richten. Für eine gute Tonqualität wird zeitweise auf Musik verzichtet: Für die Schüler:innen auf der Tanzfläche eine echte Herausforderung. Aber auch das funktioniert mit viel Gelächter über die eigenartige Tanzsituation bestens. Dann folgen alle Einstellungen im Freestyle mit der Handkamera und aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Dreh zieht sich, aber noch immer sind alle mit Elan dabei. Erst um 23 Uhr fällt die letzte Klappe.

Am nächsten Morgen beginnt der letzte Clip am See. Zwei Mädchen wachen gemütlich in ihrem Volvo Kombi nach einer durchfeierten Nacht am See auf. Am Abend wurde ein Video gepostet, in dem der Exfreund eines der Mädchen sexistisch niedergemacht wird. Das Video ging viral. „Alle haben es schon gesehen.“ Ein böses Erwachen … aber eine beeindruckende schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen. Chapeau!

 

„Zuerst hatte ich das Gefühl, mich betrifft das nicht. Erst hier habe ich eine klare Vorstellung bekommen, ab wann ein sexueller Übergriff überhaupt beginnt. In welcher Situation das bereits so bezeichnet werden muss,“ stellt Schulbegleiterin Anne Weineck fest. „Wie oft habe ich früher einen Klaps von Männern auf den Po bekommen. Da stellte man sich nicht an. Das war nie ein Thema. Trotzdem kann ich mich heute noch ganz genau erinnern. In meinem tiefen Inneren habe ich das wohl schon immer als sexuellen Übergriff verstörend empfunden. Gesellschaftlich wurde so etwas aber grundsätzlich bagatellisiert. Jetzt bin ich sensibilisiert und weiß, wo die Augenhöhe aufhört. Was ich für mich und andere nicht bagatellisieren darf.“

 

„Es fasziniert mich deshalb besonders, wie dieses Thema hier an die Jugendlichen herangetragen wird“, freut sich die Schulbegleiterin, „so offen und fragend. Natürlich hilft das Rollenspiel für den Perspektivwechsel: Sich sowohl in den Täter, das Opfer oder das oft ratlose Umfeld zu versetzen.“

 

Inzwischen geht es in die Zielgerade: Während die eine Gruppe noch beim Set ist, werden die anderen Filme schon bearbeitet: Schnitt, Musik, Abspann, Logos, Intro. Alle sind beteiligt. In weniger als 36 Stunden entstehen mit den Schüler:innen drei Filme und ein „Making of“.

 

Die Resonanz spricht für sich:

 

John (14 Jahre, Aktive Naturschule Prenzlau) findet besonders das Entwerfen der Ideen toll, aber auch anstrengend. Hannah (15 Jahre, Aktive Naturschule Prenzlau) ist zudem von der „mega coolen Location“ begeistert. Super findet sie, „dass wir auch draußen drehen konnten, obwohl es zwischendurch ganz schön kalt war. Voll krass, man fühlte sich wie ein Profi. Meine Rolle war gar nicht so leicht zu spielen, weil ich die Jungs ja kenne, die mich anmachen. Ich musste mich sehr zusammenreißen, ernst zu bleiben!“

 

Begeistert über die tolle familiäre Atmosphäre und die Chance, mit so viel Spaß zu gestalten, findet Jule (14 Jahre, Scherpf Gymnasium) die anstrengende Arbeit gar nicht so schlimm. Mit großem Erstaunen stellt sie jedoch fest: „Was für ein Aufwand für nur 2 Minuten Film. Das hätte ich nie gedacht. Ich bin froh, das alles kennenzulernen!“

Da setzt Jonathan (16 Jahre, Aktive Naturschule Prenzlau) nach, denn er findet vor allem das Thema „echt spannend. So etwas kann überall passieren und hier lernt man zu helfen, und damit umzugehen. Das im Film darzustellen, macht total viel Spaß!“

 

Dem schließt sich Vinzenz (15 Jahre, Aktive Naturschule Prenzlau) gleich an: „Ich hätte nie gedacht, dass es hier so professionell abgeht! So einen Workshop würde ich sofort wiederholen, weil auch das Thema super aktuell ist.“

 

„Auch wenn ich damit bisher gar nichts zu tun habe, ist es schon irgendwie interessant“, ergänzt Pepe (12 Jahre, Scherpf Gymnasium), „man sieht ja manches davon in Filmen und ich glaube, irgendwann begegnet es jedem mal. Vor allem, wenn man mit Medien zu tun hat.“

 

Überrascht war vor allem Lea (15 Jahre, Oberschule Philipp Hackert), die glaubte, ein Haufen von Arbeitsblättern würde hier auf sie warten. Umso schöner war es, dass die Kreativwerkstätten „frei, kreativ und spannend sind. Ganz anders als in der Schule. Ich bin hier Schauspielerin, führe ein Interview und wirke mit an der Bearbeitung. So etwas sollte es öfters geben!“

 

Natürlich gab es auch kritische Bewertungen, vor allem, dass die Zeit viel zu kurz war. Das fand auch Lea „echt stressig“.

 

All die Komplimente der Schüler:innen gibt Katharina Woll vom LUPA-Team gleich zurück: „Ihr wart so unglaublich konzentriert und engagiert. Habt untereinander eigenständig ausgehandelt, wer Kamera, Ton, Licht, Regie oder Schauspiel übernimmt …“

 

Dem kann Schauspielerin Alexe Limbach nur beipflichten: „Eure Rollenvielfalt hat mich ganz schön beeindruckt! Souverän gabt ihr den miesen Anmachertypus genauso gut wie den galanten Barkeeper oder junge Frauen in kritischen Situationen.“  „

 

Auch dass ihr bis in den späten Abend so engagiert durchgehalten habt – trotz der Kälte – ist bemerkenswert. Danke Euch allen, es war eine Freude!“, schließt IID-Chefin Julia von Weiler die Abschiedsrunde.

 

Text & Fotos: Stephanie Hochberg